Terroranschlag auf Nero und die Führungsspitze des Römischen Reichs. Religiöse Eiferer wollen die Weltherrschaft.

Eine fanatische Sekte will im Römischen Reich den Gottesstaat errichten. Die Vielfalt der antiken Götterwelt soll zerstört werden. Die Terroristen entwickeln Pläne, wie die gesamte Führungsspitze, der Kaiser und alle Provinzmagistrate, auf einen Schlag vernichtet werden könnte. Mit minutiöser Orts- und Sachkenntnis inszeniert die Autorin den revolutionären Plan und die wohl aussichtslosen Bemühungen eines geheimen nabatäischen Einsatzkommandos, ihn zu verhindern.

 
Susanne Cho
Im Bauch des Imperiums
Historischer Roman
Rom im Jahr 67 nach Christus. Im Auftrag des Königs von Nabatäa soll Ruma, ein reicher Gewürzhändler aus Petra, den geplanten Terroranschlag einer religiösen Sekte auf Kaiser Nero und die Führungsspitze des Römischen Imperiums verhindern. Ein heikles Unterfangen, denn die politische Lage im Reich ist prekär. In Judäa tobt ein hartnäckiger Aufstand, und auch in anderen Provinzen brodelt es. Jedes Gerücht über einen Anschlag könnte einen Flächenbrand verursachen. Ruma muss diskret vorgehen und setzt auf die Mitarbeit seiner Kinder, die er allerdings noch überzeugen muss, an der geheimen Mission mitzumachen. Erschwerend dabei sind Rivalitäten und alte, ungelöste Familienverstrickungen. Gegenspieler Rumas ist der Judäer Eleazar. Er verfügt über ein Netzwerk von organisierten Anhängern, die bereits Militär, Administration und selbst den kaiserlichen Hof unterwandert haben. Ziel ist der Sturz der bestehenden Regierung und die Errichtung eines Gottesstaates. Das Attentat soll anlässlich eines von Nero lancierten kulinarischen Wettbewerbes stattfinden. Zu diesem festlichen Ereignis ist die gesamte Regierungselite in Neros prunkvollen neuen Palast geladen.  

Reihe: skepsis & leidenschaft / Band 4
mit Glossar, Zeittafel, 3 Karten, Stammbaum

© Skepsis Verlag, 2. Auflage, Zürich 2011
400 Seiten. Softcover, Format 12 x 19 cm, 426 g
Europa: 12 EUR / Schweiz: 13 CHF
ISBN 978-3-9521140-3-2

 
   
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Kapitel 17

Rom außer Rand und Band. Um die Stimmung wiederzugeben, bedarf es nur eines einzigen Wortes: Saturnalien. Wer während der Saturnalien schon einmal in Rom weilte, weiß, was ich meine.

Feiertage für alle. Ganz Rom auf der Straße. Senat, Gericht und Schulen geschlossen. Sklaven, die sonst durch ihre Arbeit in einen geregelten und kontrollierten Tagesablauf eingebunden sind, haben an den Saturnalien frei und sind es auch – für ein paar Tage. Jeder darf ungestraft seine Meinung kundtun, seinen Herrn beschimpfen, den Patron verspotten, kühne Reden halten. Es sind die »feuchten Tage«, an denen jeder auffällt, der nicht betrunken ist.

Ich hatte die Gelegenheit genutzt, mich beim Saturntempel, wo anschließend an das traditionelle Opfer für Saturn das große Gelage stattfindet, unter die Menge zu mischen, um die politische Stimmung zu eruieren. Da ich nicht auffallen wollte, trug ich Taimus schmutzigste Tunika, die er mir, zusammen mit einem stinkenden Filzumhang, geliehen hatte. Sogar meine Haare hatte ich mit gewürztem Wein beschmiert. So gerüstet verbrachte ich einige Stunden inmitten der Massen auf dem Forum. Was ich zu hören bekam, war zunächst nicht der Mühe wert. Am häufigsten waren Klagen über schlechtes Essen oder zu kleine Weinrationen, über den Geiz des Patrons, der in der Kargheit der Saturnaliengeschenke in Erscheinung trat. Zwei junge Männer wetteten darum, wie viel Pfunde Silbergeschirr der stadtbekannte Eprius Marcellus an seine Klienten verteilen würde. Was Nero betraf, bestätigte sich, was ich zuvor schon von Sabinus erfahren hatte. Während vor allem einfache Leute, die nichts zu verlieren hatten, sich über Siege und Extravaganzen des Kaisers freuten, war bei Angehörigen der oberen Klassen die Meinung geteilt. Natürlich hüten sich kluge Köpfe auch während der Saturnalien, ihre Meinung offen auszudrücken – das ist mehr eine Lizenz für Sklaven und naive Leute aus dem Volk. Dennoch war inmitten der oberflächlichen Ausgelassenheit eine kritische Stimmung wahrnehmbar. Es waren verschiedene Bemerkungen zu hören, zum Beispiel über Neros Kollektion von Siegeskränzen in den griechischen Städten und über des Kaisers lange Abwesenheit in Zeiten des Krieges, während seine Legionäre in Judäa ihr Leben ließen. Aber auch Äußerungen zu seinen hochfliegenden Bauplänen, die enorme Gelder verschlangen – aus der Staatskasse, versteht sich, nicht etwa aus Neros Privatschatulle –, machten die Runde. Mehr noch als die gigantischen Bauvorhaben in Rom waren seine Projekte für Achaia und andere Provinzen im Osten Stein des Anstoßes. Sollte er es wirklich wagen, die Hauptstadt nach Osten zu verlegen? Nach Alexandria womöglich? Diese Sorge war in gewissen Kreisen offensichtlich verbreitet, wenngleich das Thema nur in Andeutungen zur Sprache kam – oder in Witzen: Man könne sich den Wettkampf zwischen Rom und Alexandria sparen, die Culinaria abblasen, wenn zukünftig die Hauptstadt ohnehin in der ägyptischen Metropole liege, scherzte man bissig. Neros Palast in Rom jedoch, so sehr er Anlass zu Tadel geben mochte wegen des enormen finanziellen Aufwandes, erregte in erster Linie Stolz und Bewunderung, selbst bei den Kritikern. Nie hatte man ein ähnliches Kunstwerk gesehen, nie derart erstaunliche Techniken hervorgebracht, Natur und Kultur so zu vereinen vermocht. Die Architekten Celer und Severus waren in aller Munde. Ihr Stern am Himmel der Baukünstler überstrahlte alle anderen.

Aber dann, zu späterer Stunde, als ich schon nichts Besonderes mehr erwartete, schnappte ich Gerüchte von Unruhen in Gallien auf. Von einem Gaius Iulius Vindex war die Rede, einem romanisierten Gallier aus königlichem Stamm. Allerdings waren es Sklaven, die wichtigtuerisch darüber tuschelten, und jeder wollte mehr wissen als der andere. Ein Aufstand in Gallien? Ob es etwas auf sich hatte? Ich würde mit Sabinus darüber sprechen müssen.

In Gedanken versunken befand ich mich auf meinem Weg nach Hause. Den Tiber hatte ich bereits überquert, als mir zwei betrunkene Männer entgegenkamen. Sie grölten und kamen schwankend auf mich zu, fragten mich um Wein. Ich antwortete ihnen, ebenfalls in heiterem Tonfall, dass ich keinen mehr habe, und wollte mich entfernen. Der Ältere torkelte auf mich zu, hielt sich mit einer Hand an meiner Schulter fest und nuschelte mir ins Ohr:

»Dann bist du ja noch schlimmer dran als wir. Hier …«, er nestelte an seinem Mantel, »du sollst den Rest bekommen!«

Ein bisschen zu spät, aber gerade noch rechtzeitig realisierte ich, was meine Nase längst wahrgenommen hatte. Der Atem des Betrunkenen – keine Spur von Weingeruch. Ich drehte mich ab. Die Klinge traf mich zwischen die Rippen.

 Gelächter und weinselige Rufe waren zu hören, erst weiter entfernt, nun näher.

 »Los, weg!«, hörte ich den einen sagen.

 »Mein Dolch!«, fluchte der andere.

 Die zwei schienen sich zu entfernen und unter eine Gruppe von angeheiterten Sklaven zu mischen. Schmerz spürte ich keinen, auch nicht, als ich den Dolch herauszog. Ich presste meine Hand gegen die Wunde, um das Blut aufzuhalten. Drei Häuserblöcke noch bis zu meiner Wohnung. Ob sie wohl wiederkamen?

 Gewaltige Ausmaße hatte so ein römisches Miethaus. Dass mir das noch nie aufgefallen war. Mindestens fünfzig Schritte. Ich begann zu zählen.

 Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig … Schwarze Wolkenflocken bildeten sich in meinen Augen und drangen nach innen. Einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig … Noch zwei Schritte, dann eine Pause. Ich lehnte mich gegen die Hausmauer und wartete, bis ich wieder klarer sehen konnte. Waren da nicht Schritte zu hören? Ich zwang mich weiterzugehen. Eins, zwei, drei …

Wie lange ich gebraucht hatte, um in den dritten Stock des Miethauses in meine Wohnung zu gelangen, weiß ich nicht. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. In Erinnerung geblieben ist mir die geschärfte Intensität des Hörens und Riechens. Die hallenden Schritte eines Nachbarn, der die Steinstufen heraufstieg und grinste, als er mich auf dem Treppenabsatz kauern sah. Der Eisengeruch, der von Taimus Tunika aufstieg, von jener Stelle, an der sich ein riesiger roter Fleck gebildet hatte. Ein Weinsee, wie der Nachbar wohl gedacht haben wird. Ich ließ ihn in dem Glauben. Nur keine Vigiles im Haus, keine Fragen, keine Untersuchungen.

Irgendwann am späten Nachmittag stand Taimu da, der sich gesorgt hatte, weil ich nicht zur Verabredung erschienen war. Er holte mich aus einem fiebrigen Dämmerschlaf und veranstaltete einen Riesenlärm, als er das Tuch erneuerte, das ich um die Wunde gewickelt hatte. Dann machte er sich ungeachtet meines heftigen Protestes auf die Suche nach einem Arzt, der Patienten zu Hause besucht und behandelt. An sich schon eine schwierige Aufgabe, in Rom einen solchen zu finden, aber wenn der Kranke auch noch in Transtiberim wohnt …

Der Arzt war – wie konnte es anders sein – ein Grieche und hieß Xenophon. Ohne ein Wort zu fragen, säuberte er die Wunde gründlich und verband sie sorgfältig. Er unterwies Taimu im Brauen einer Tinktur, die er zur Wundreinigung morgens und abends anwenden solle, und schärfte ihm ein, die offene Stelle sauber zu halten.

»Glück gehabt«, sagte er schließlich zu mir gewandt, »nur knapp am Herz vorbei.«

»Ein Raubüberfall«, sagte ich, »diese verfluchten Saturnalien, mein ganzes Geld ist weg …«

»Ein Skandal«, lamentierte Taimu, »immer mehr Leute missbrauchen die Saturnalien um …«

Xenophon brachte Taimu mit einem Blick zum Schweigen und sagte dann zu mir gewandt: »Den Wohnort zu wechseln wäre ratsam. Diebe zielen nicht nach dem Herz, wenn es nur um die Geldbörse geht, auch nicht während der Saturnalien.«

Xenophon kam jeden Abend, um die Wundheilung zu kontrollieren, und ich wunderte mich, warum griechische Ärzte in Rom einen so schlechten Ruf haben mochten. Er war bescheiden, aber professionell. Bei einer seiner Visiten erzählte er uns, sein Herr habe ihn, weil er schon als Kind durch eine rasche Auffassungsgabe aufgefallen sei, zu einem Arzt in die Lehre gegeben. Später hatte Xenophon seinem Herrn, der eine Vergiftung erlitten hatte, durch schnelle Diagnose und sofortige Verabreichung des richtigen Gegenmittels das Leben gerettet. Zum Dank war er schon in jungen Jahren aus dem Sklavenstand entlassen worden. Als Freigelassener betrieb der Grieche nun eine kleine Arztpraxis, war aber noch immer seinem Herrn so verbunden, dass er sich täglich um dessen Wohlbefinden kümmerte.

»Ich bin zwar nicht Krinas von Massilia und will es auch nie werden«, sagte er eines Abends, als er nach meiner Wunde sah, die längst keiner ärztlichen Pflege mehr bedurfte, »trotzdem verfüge ich über zwei Wohnungen in einem Miethaus auf dem Quirinal, und wenn ihr daran interessiert seid, kann ich euch eine davon vermieten.«

Taimu pfiff durch die Zähne: »Quirinal, das klingt nicht schlecht!«

»Nicht auf der vornehmen Seite«, räumte Xenophon ein, »aber es hätte immerhin den Vorteil der Lage in unmittelbarer Nähe einer Arztpraxis, und für mich hätte es den Nutzen, dass ich keine Hausbesuche in so dubiosen Wohnvierteln wie diesem hier machen müsste.«

»Hört sich gut an«, antwortete ich, »obschon ich nicht unbedingt davon ausgehe, in nächster Zukunft schon wieder ärztlicher Hilfe zu bedürfen.«

»Und wer ist Krinas von Massilia?«, wollte Taimu doch noch wissen.

»Einer der reichsten Männer Roms, kennt ihr ihn nicht?«

»Und wie, bitte sehr«, fragte Taimu, »kann man so reich werden?«

»Oh, man muss nur den richtigen Beruf haben«, lachte Xenophon verschmitzt, »er ist Arzt«.

Fünf Tage später bezogen wir unsere neue Wohnung an der Birnbaumstraße auf der Westseite des Quirinals. Drei kleine Zimmer mit Balkon im ersten Stock des Wohnblocks. Im Erdgeschoss zahlreiche Handwerksbuden und Verkaufstavernen. Ich brauchte also nur die Treppen hinunterzusteigen, um frisches Brot zu erstehen. Einen Ölhändler gab es auch und sogar eine Weinschenke. Nun gut, das würde einigen Lärm mit sich bringen. Eine Schuhmacherei hatte ich gesehen, einen Tuchhändler, die Werkstatt eines Schneiders und, nicht zu vergessen, die Arztpraxis.

Ein guter Tausch, zweifellos. Transtiberim mit seinem Lärm und Gestank würde ich bestimmt nicht vermissen. Ob meine Mörder mich allerdings nicht auch auf dem Quirinal aufspüren konnten, dessen war ich mir nicht so sicher.